Trans* und nonbinary Lesetipps

Kürzlich haben wir einen Essay dazu veröffentlicht, dass man Held*innen manchmal aufgeben muss. Und passend dazu müssen wir uns vielleicht auch manchmal eingestehen, dass wir nicht ewig den Büchern unserer eigenen Kindheit und Jugend nachhängen müssen, wenn sie an vielen Stellen problematisch sind.

Es gibt inzwischen diversere Welten und Geschichten, sei es in Science-Fiction und Fantasy für Erwachsene, als Young Adult-Romane oder als Kinderbücher, Comics und Aufklärungsliteratur. Bücher, die von trans* oder nonbinary Autor*innen geschrieben wurden, in denen trans* und nonbinary Figuren selbstverständlich sind.

Bei der Suche nach Büchern, die wir euch empfehlen können, hat uns übrigens der Buchblogger und Buchhändler Linus Giese geholfen – herzlichen Dank! Von Linus stammt unter anderem die tolle und hilfreiche Liste von Kinderbüchern ohne Geschlechterklischees. Außerdem hat er jüngst einen Artikel über die mangelnde Diversität in Verlagen und den daraus folgenden unsensiblen oder fehlerhaften Umgang mit trans Themen geschrieben, der sehr schön aufzeigt, welche Probleme entstehen, wenn nur über und nicht mit trans* Personen geschrieben wird.

Wie steht es um die Repräsentation?

Tatsächlich war die Repräsentation von trans* und nonbinary Themen und Figuren lange Zeit nicht einfach, da in Verlagen oft der Mut zu diversen Figuren und Geschichten fehlte. Einen langen englischsprachigen Artikel dazu, ob sich dies im Bereich Young Adult geändert hat und in welchem Umfang, hat Ray Stoeve kürzlich veröffentlicht. They kommt zu dem Schluss, dass es mittlerweile erfreulicherweise mehr Bücher von trans* und nonbinary Autor*innen mit ebensolchen Hauptfiguren gibt und auch der Wunsch des Publikums nach Own Voice-Geschichten wächst. Inzwischen erscheinen Romane über trans* und nonbinary Figuren auch in einigen Großverlagen. Dennoch sind andere Bereiche des queeren Spektrums wesentlich stärker repräsentiert, und auch innerhalb der publizierten Romane, die they nachverfolgt hat, fehlt es in anderen Punkten doch wieder an diverser Repräsentation, was beispielsweise die Ausgewogenheit zwischen weißen Figuren und Figuren of Color angeht. Und auch hinter den Kulissen, bei den Verlagsmitarbeiter*innen und Lektor*innen, gibt es zu wenige trans* und nonbinary Personen und zu wenige BI_PoC. Letzten Endes jedoch, so Stoeve, haben es trans* und nonbinary Teenager heute sehr viel leichter, sich in Young Adult-Romanen wiederzufinden. Übrigens führt Ray Stoeve eine Masterlist von Autor*innen, die als Own Voices über trans* und nonbinary Themen schreiben.

Außerdem ist es mit der bloßen Tatsache, dass trans* und nonbinary Figuren endlich repräsentiert werden, noch nicht getan, denn es gibt auch schädliche und fehlerhafte Wege, dies zu tun. Hierzu haben wir einen weiteren langen Artikel gefunden, in dem Clarence Harlan Orsi sich verschiedenste Young Adult-Romane mit trans* und nonbinary Themen angeschaut hat und sich fragt: Was sagen diese Bücher über das Leben, den Alltag und die Probleme von trans*/nonbinary Teenagern eigentlich aus? Oft ist es so, dass die Identität der Protagonist*innen sie in Probleme stürzt oder ihren einzigen Kampf in den Teenagerjahren darstellt. Oft werden eingefahrene Denkweisen und klischeehafte Bilder (wie der Zwang, die falschen Toiletten benutzen zu müssen) immer wieder reproduziert. In manchen Romanen müssen trans* und nonbinary Protagonist*innen übermenschlich gut und fehlerlos sein, um ihr Anderssein wettzumachen. Kurz gesagt: Oft steht das Leid der Protagonist*innen über ihre Identität im Vordergrund und prägt die ganze Geschichte, statt nur ein Aspekt einer Handlung und Charakterisierung zu sein. Orsi wünscht sich für die „zweite Generation“ von trans* und nonbinary Young Adult-Romanen mehr Mut – Bücher mit einem unterstützenden Umfeld, mit Protagonist*innen mit vielen Fehlern und Facetten, Bücher, in denen nicht den Lesenden haarklein jede Vokabel erklärt wird, weil man inzwischen vielleicht einfach voraussetzen darf, dass alle Begriffen wie queer, trans oder nicht-binär etwas anfangen können. Er wünscht sich, dass der Kanon von Geschichten, der sich bildet, nicht immer wieder dieselben Bilder in unseren Köpfen zementiert.

Trans* und nonbinary: 10 Büchertipps

Wir haben für euch 10 Bücher herausgesucht, in denen trans* und nonbinary Identität eine Rolle spielen. Einige davon sind Phantastik-Werke, andere in der realen Welt angesiedelt, es sind Romane dabei und Comics und Anthologien. Wir hoffen, es ist für alle etwas dabei.


Küsse für Jet ist eine jünst erschienenee Comic-Of-Gender-Graphic Novel von Joris Bas Backer. Angesiedelt in einem Internat in den Neunzigern muss sich Hauptfigur Jet nicht nur in einer fremden Umgebung einleben, sondern sich auch mit der Suche nach der eigenen Identität beschäftigen.

Eine Rezension und ein Interview zur Graphic Novel ist zum Lesen oder Anhören im Deutschlandfunk erschienen.


Pet ist ein 2019 erschienener phantastischer Young Adult-Roman mit einem Schwarzen trans Mädchen in der Hauptrolle, verfasst von der Schwarzen nonbinary Autor*in Akwaeke Emezi. Protagonistin Jam lebt in einer Welt, in der ihr die Erwachsenen sagen, es gäbe keine Monster mehr, und muss schnell feststellen, dass das nicht stimmt. In einem Interview sagte Emezi, dass they die utopische Welt, in der Schwarze trans* Teenager in Sicherheit leben können, in der Hoffnung erschaffen hat, dass sie eines Tages Realität wird.


Mit Als ich Amanda wurde (Original: If I was your girl) von Meredith Russo (deutsch von Barbara Lehnerer) erschien ein Young Adult-Roman, der einen Meilenstein darstellt: Er ist der erste YA-Roman von einer trans Autorin und mit einer trans Protagonistin, und zeigt auch eine trans Frau auf dem Cover. Das Buch selbst ist ein Comic-of-Age-Roman, in dem es einen Neustart und um erste Liebe geht.


Ein trans Latinx Protagonist, der seiner Familie zeigen will, dass auch er das Zeug zum echten Brujo (Hexer) hat, eine hilfreiche Cousine und ein Geist, der ihn nicht mehr in Ruhe lässt – das sind die Elemente, aus denen der Debut-Roman Cemetary Boys von Aiden Thomas gestrickt ist. Aiden ist ebenso wie Protagonist Yadriel trans, queer und Latinx. Das Buch erscheint im September 2020.


„Hattest du eigentlich schon die Operation?“ ist ein episodenhafter Comic von Peer Jongeling, in dem verschiedene Erfahrungen von trans* und genderqueeren Personen erzählt werden. Er illustriert, getragen von vier Protagonist*innen, die Alltagsherausforderungen und Probleme, die viele trans*, genderqueere und nonbinary Menschen erleben und die Wünsche, die sie an die Gesellschaft haben.


Für Dreadnought von April Daniels wäre es wohl ratsam, vor Lektüre die Inhaltswarnungen zu konsultieren, denn der Superheld*innenroman von April Daniels thematisiert viele schmerzliche Erfahrungen, die trans* Menschen machen müssen. Protagonistin Danny ist eine junge und noch nicht geoutete trans Frau, die plötzlich Superkräfte bekommt und viele Kämpfe ausfechten muss – gegen Superschurk*innen und das eigene Umfeld. Im zweiten Band, Sovereign, gibt es auch einen genderqueeren Charakter. April Daniels ist eine trans Frau.


Die Tensorate-Reihe umfasst bisher vier Bände in Novellenlänge und stammt von JY Yang. They stammt aus Singapur und ist queer und nicht-binär. In der fiktiven Welt, die in den Romanen entworfen wird, wird Kindern bei der Geburt kein Geschlecht zugewiesen und alle Menschen können sich später selbst für eine Gender-Identität entscheiden. In den Silkpunk-Novellen geht es um Krieg, Rebellion und Schicksal in einer gleichzeitig spirituellen wie technisch hochentwickelten Welt.


Der Young Adult-Roman When the Moon was ours von Anna-Marie McLemore gewann mehrere Preise, unter anderem den Otherwise Award. Das Buch ist ein märchenhafte magisch-realistische Erzählung über einen trans Jungen und eine queere Latina, über Geheimnisse, Familie und Gender-Identität, in die viel lateinamerikanische Folklore eingeflossen ist. McLemore ist ein*e queere Latinx-Autor*in.

No Man of Woman Born ist Sammlung von Kurzgeschichten von Ana Mardoll, in dem xie verschiedenste Märchen und Fantasy-Erzählungen neu aus einem genderqueeren und nicht binären Blickwinkel erzählt. Die meisten davon hängen mit binär gecodeten Prophezeiungen zusammen, wie der Titel bereits andeutet. Trans und nicht-binäre Protagonist*innen nehmen in dieser Anthologie ihr Schicksal selbst in die Hand und altbekannte Geschichten werden neu interpretiert.


Maiden, Mother, and Crone: Fantastical Trans Femmes ist eine von Gwen Benaway herausgegebene Kurzgeschichten-Anthologie von phantastischen Geschichten aus der Feder von trans und nonbinary femme Autor*innen, die im April 2020 über Kickstarter finanziert wurde und sich explizit zum Ziel gesetzt hatte, die wenig gehörten Stimmen von trans/nonbinary femme Autor*innen in der Phantastik zu fördern. Die Sammlung enthält 10 Kurzgeschichten.


Ihr habt noch nicht genug?

Dann schaut euch doch weiter um – es gibt verschiedene englischsprachige Listen mit Buchempfehlungen, die wir für euch herausgesucht haben.

Und wenn ihr selbst noch Tipps für uns und unsere Leser*innen habt: Schreibt sie uns doch in die Kommentare!

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All heroes must die

von Elea Brandt

Ödipus war ein Held. Er löste das Rätsel der Sphinx und wurde König von Theben.

Achilles war ein Held. Er tötete den unverwundbaren Kyknos und stritt auf den Feldern von Troja.

Prometheus war ein Held. Er brachte den Menschen das Feuer und ermunterte sie, an ihre eigene Stärke zu glauben.

Joanne K. Rowling war einmal meine Heldin. Sie hat meine Kindheit mit Magie erfüllt und mir die ersten Worte eines Fantasy-Manuskripts entlockt.

Wir alle wissen, wie diese Geschichten ausgegangen sind. Ödipus ermordete seinen Vater und heiratete seine Mutter. Achilles wurde über dem Tod seines Gefährten Patroklos wahnsinnig und tötete den Königssohn Hektor und zwölf trojanische Jünglinge. Prometheus wurde für seinen Hochmut von den Göttern an die Hänge des Kaukasus geschlagen. Und J.K. Rowling nutzt ihre Bekanntheit und ihre Reichweite, um trans* Menschen zu erniedrigen und an den Rand der Gesellschaft zu drängen.

Vielleicht ist der Zeitpunkt gekommen, an dem wir uns fragen müssen, ob es da draußen überhaupt noch Held*innen gibt. Menschen, zu denen wir vorbehaltlos aufsehen können, Menschen, die uns ein Vorbild sind, die uns ein Leitbild im Leben bieten. Ich fürchte, diese Menschen hat es nie gegeben. Wir wollten das nur gerne glauben. Es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass es Menschen gibt, die man vorbehaltlos bewundern kann. Menschen, die uns daran erinnern, was wir erreichen und wie wir die Welt zu einem besseren Ort machen können. Menschen, die uns dazu bringen, alles aus uns herauszuholen und für höhere Ziele zu kämpfen. Aber dieses Gefühl ist auch trügerisch.

Wir erwarten von diesen Held*innen nicht weniger als Unfehlbarkeit und sind dadurch bereit, ihnen einen Vorschuss an Vertrauen und einen Nimbus der unbedingten Glaubwürdigkeit zu geben, der ihnen gefährliche Narrenfreiheit verleiht. Was unsere Held*innen sagen ist gut. Was unsere Held*innen tun ist richtig. Wenn unsere Held*innen Fehler machen, dann war es ein Versehen. Ein Moment der Unachtsamkeit oder – um bei J.K. Rowling zu bleiben – ein „middle-aged moment“. Wie könnten jene, die uns so viel gegeben haben, wie unsere Held*innen, schlechte Menschen sein? Gar rassistisch, queerfeindlich oder einfach nur hinterhältig? Unmöglich. Dafür haben wir sie doch zu Held*innen gemacht, damit sie über all diese Vorwürfe erhaben sind, oder nicht?

Auf unserer Suche nach Held*innen vergessen wir oft eines: Sie sind auch nur Menschen. Menschen mit Fehlern. Menschen mit Charakterschwächen. Menschen mit unangenehmen oder widerlichen Einstellungen. Und sie verdienen es gar nicht, unsere Held*innen zu sein und von uns auf den Olymp der moralischen Unfehlbarkeit gehoben zu werden. Wenn wir ehrlich sind: Diesem Anspruch kann kein Mensch je gerecht werden. Wir tun unseren Held*innen unrecht, von ihnen Unfehlbarkeit zu verlangen. Und wir tun uns selbst damit unrecht.

Als die Debatte um J.K. Rowling begann – mit transfeindlichen Tweets, die sie likte, und dubiosen bis lächerlichen Aussagen über die Diversität in ihren Büchern – war ich auch so naiv. Ich ging davon aus, dass diese Autorin, die ich einmal bewundert hatte, sicher gute Gründe haben würde. Dass die Heldin meiner Kindheit und Jugend niemals ein Mensch sein konnte, der trans* Personen ihre Identität oder ihren Wert abspricht oder sich über queere Menschen und deren Repräsentation lustig macht. Sie hatte sich doch für Diversität und für Kinder in Not eingesetzt. Sie war eine Heldin – oder nicht? Wenn ich Beiträge las, in denen die Harry-Potter-Romane wegen problematischer Inhalte kritisiert wurden, schaltete ich auf Durchzug oder wurde wütend. Ich fühlte mich um einen Teil meiner selbst beraubt und ich fühlte mich selbst angegriffen, immerhin hatte ich diese Person einmal verehrt.

Heute bin ich klüger, nicht zuletzt, weil es so viele mutige Menschen da draußen gibt, die sich von Held*innen nicht einschüchtern lassen und trotzdem bereit sind, ihre Kritik zu äußern. J.K. Rowling hat mich durch die „Harry Potter“-Bücher gelehrt, dass selbst die Kleinsten die Welt verändern können. Dass wir uns für die schwächsten Mitglieder unserer Gemeinschaft stark machen müssen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen und das „Böse“ zu besiegen. Bis heute sind mir diese Werte in Fleisch und Blut übergegangen, und es macht wich wütend zu sehen, dass die Frau, die sie mir gezeigt hat, selbst nichts davon verstanden zu haben scheint. Ihre Bücher haben mich geprägt, aber heute brauche ich sie nicht mehr. Ich bin über meine eigene Heldin hinausgewachsen.

Im Film „The Dark Knight“ sagt Harvey Dent zu Bruce Wayne: „Man stirbt als Held oder man lebt so lange, bis man selbst zum Bösen wird.“ Es gibt also nur einen Weg: unsere Held*innen müssen sterben. Wir müssen uns lösen von einem überzogenen Held*innen-Mythos, von einem Mythos der Unfehlbarkeit oder der moralischen Überlegenheit bei Menschen, denen wir im wahren Leben nie begegnet sind. Mit denen wir nie ein Bier trinken oder einen Film angucken waren, aber die wir trotzdem auf ein nicht zu erreichendes Podest stellen. Wir müssen damit beginnen, unsere Held*innen zu kritisieren und zu hinterfragen.

Das heißt nicht, dass wir keine Vorbilder haben dürfen, im Gegenteil. Die brauchen wir mehr als dringend. Aber unsere Vorbilder sollten Menschen sein, keine Ikonen. Menschen, die Fehler machen und die sich für ihre Fehler entschuldigen. Menschen, die rücksichtsvoll mit anderen umgehen und sich für andere stark machen. Menschen, die auch mal laut werden und wütend sind. Menschen, die uns die Chance geben, unsere Privilegien und unsere Einstellungen zu hinterfragen und neu zu ordnen. Menschen, die manchmal auch unbequem werden. Menschen, die keine Angst haben, zuzugeben, wenn sie sich geirrt haben. Menschen, die ihre Reichweite und ihre Privilegien nutzen, um Marginalisierten beizustehen. Wir sollten unsere Held*innen nicht an Worten messen, am Unterhaltungswert ihrer literarischen Texte oder an ihren Erfolgen, sondern an den kleinen Dingen, die sie für jene leisten, die keine Stimme haben. Und wir müssen bereit sein, unsere Vorbilder zu kritisieren oder fallen zu lassen, wenn sie uns keinen Mehrwert mehr bieten.

Die Welt wird nur besser durch Taten, deswegen brauchen wir nicht einmal Held*innen in unserem Leben, sondern Kämpfer*innen. Wir brauchen keine Menschen mit Heiligenschein und Krone, sondern solche, die mit uns in den Kampf ziehen würden, wenn wir oder andere Menschen in Not sind. Nicht unbedingt ganz pathetisch mit Schwert und Schild, aber wenigstens mit Mut und Einsatzfreude. Wir brauchen weise Führer*innen, die im entscheidenden Moment wissen, was zu tun ist, aber ebenso, wann sie anderen das Feld überlassen. Wir brauchen Mentor*innen, die uns mit liebevoller Strenge unsere Fehler aufzeigen und uns zu besseren Menschen machen.

Es tut mir nicht weh, J.K. Rowling als meine Heldin zu begraben, denn ich habe neue Held*innen gefunden. Und vielleicht bin ich auch meine eigene Heldin geworden und über mich hinausgewachsen, weil mir Menschen im entscheidenden Moment ein Schwert (oder vielmehr einen Stift) in die Hand gedrückt haben oder sagten: „Ich bin da – ich unterstütze dich“.

Hephaistos erschlug den Göttervater Zeus und aus seinem Kopf stieg Athene, die Göttin des Krieges und der Weisheit. Ich hoffe, dass unsere sterbenden Held*innen uns ein ähnliches Geschenk bereiten.

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Zu #BlackLivesMatter und #Hanau: Aufforderung zum Antirassismus

Inhaltswarnungen
Rassismus, Polizeigewalt, rechter Terror

Am 25.05.2020 wurde der Schwarze Amerikaner George Floyd von einem Polizisten getötet. Seitdem gibt es in den USA und weltweit lautstarke Proteste gegen Polizeigewalt, vor allem aber auch gegen den Rassismus, der tief systemisch verankert ist und Schwarze Menschen (und BI_PoC allgemein) kriminalisiert und diskriminiert. Nichts an den kritisierten Umständen ist neu oder sollte uns schockieren, denn die angesprochenen Probleme sind seit Jahrzehnten bekannt. Trotzdem hat die BlackLivesMatter-Bewegung aktuell eine neue Wucht gewonnen und konnte in den USA bereits einige politische Ziele erreichen.

Aber wir dürfen nicht auf die USA zeigen und tun, als lebten wir in Deutschland nicht ebenfalls in einer zutiefst rassistischen Gesellschaft. Der Anschlag von Hanau, in dem ein Rechtsextremist 10 Menschen aus rassistischen Motiven ermordete, ist erst wenige Monate her. Erfreulicherweise gibt es zum ersten Mal eine öffentliche Debatte, die institutionellen Rassismus und Alltagsrassismus zumindest thematisiert. Doch dies kann nur der Anfang sein. Weiße Menschen müssen lernen und verstehen, dass wir alle in einem rassistischen System aufgewachsen sind und sozialisiert wurden, und müssen gezielt daran arbeiten, diesen Rassismus zu verlernen.

Wir als queerfeministisches und intersektional gedachtes Magazin wollen zum Thema Black Lives Matter und Rassismus daher ebenfalls Stellung beziehen und euch im Folgenden einige Hinweise, Anregungen und Ideen geben, was unsere weißen Leser*innen tun können, um antirassistisch zu denken und zu handeln. Und an unsere Schwarzen Leser*innen und Leser*innen of Color: Wir sehen euch, wir denken an euch und wir sind sehr dankbar über alles, was wir von euch lernen dürfen.

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#HoffnungSpenden-Nachlese

Unter dem Motto „Lasst uns hoffen!“ haben wir gemeinsam mit einigen Autor*innen und Verlagen zu einer Spendenaktion aufgerufen und unter allen Spender*innen Buchpakete verlost. Inzwischen sind die Gewinner*innen ausgelost, die Pakete zugeteilt und teilweise sogar schon unterwegs. Zeit für ein kurzes Nachwort zur Aktion!

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Lasst uns hoffen!

Spendet für einen guten Zweck und gewinnt Bücherpakete!

Das Jahr 2019 neigt sich dem Ende zu, und egal, wie es für euch persönlich gelaufen ist: Wir sind uns vermutlich einig, dass die Welt insgesamt schon schönere Zeiten gesehen hat. Zwischen Klimakatastrophe, rechtsextremen Anschlägen und der immer noch tagtäglich und überall stattfindenden Gewalt gegen Marginalisierte fällt es manchmal schwer, Hoffnung zu finden. Vieles, was fortschrittlich und unverhandelbar schien, scheint uns wieder zu entgleiten. 

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Feuer – Lena Richter

Kurzgeschichte von Lena Richter

Inhaltswarnungen
Verletzungen, Blut, bewaffnete Auseinandersetzung

Am Tag, an dem ich die Amazone im Leichenhaus fand, war ich zum fünfzehnten Mal von zu Hause weggelaufen. 
Die Wut hatte mich vor sich hergetrieben wie der Sturm einen Schwarm Drohnenvögel treibt, hatte meine Schritte durch die Hinterhöfe, Barackensiedlungen und Häuserruinen gelenkt, bis ich schließlich in der dunklen Stille des Leichenhauses wieder zu mir kam. Es war das letzte Gebäude innerhalb der Stadtgrenze von Vilas. Ich war so weit gelaufen, wie es mir möglich war.

Die Wut in mir war ein Monster mit zu vielen Tentakeln. Sie schnürten meinen Magen zusammen, ließen meinen Körper vor Zorn zittern, ballten meine Hände zu Fäusten und ließen sie gegen Wände schlagen und Tische umwerfen. Sie würgten Worte aus meiner Kehle hervor, hasserfüllte Worte, die wie Pfeile durch den Raum flogen und ihr Ziel in den betroffenen Augen meiner Väter fanden, in dem zusammengepressten Mund meiner Schwester. Ich wusste nicht, wie ich das Monster zähmen konnte. Ich konnte nur die Scherben aufsammeln, wenn die Tentakel mich aus ihrem Griff entlassen hatten. Jedes Mal hoffte ich, dass es das letzte Mal gewesen wäre, dass ich das nächste Mal stärker wäre als das Monster. Aber wenn es grollend in meinem Herzen erwachte und den Puls in meinen Ohren dröhnen ließ, wusste ich, dass ich verloren hatte. Also lief ich weg. Es war das einzige, was mir einfiel, um noch mehr Schaden zu verhindern. Ich sah seit Wochen die stumme Trauer in den Augen meiner Familie. Jedes Kind kannte die Geschichten von der Wut, die manche Menschen im jungen Alter befiel wie eine Krankheit und sie zu Ausgestoßenen machte, unfähig, mit anderen zusammenzuleben. Als mein vierzehnter Geburtstag kam und ging, waren wir angespannt und misstrauisch gewesen, aber nichts war passiert. Die Zeit der Sonne verbrachten wir glücklich. Einmal kaufte Vater frisches Fleisch und Gemüse von einem der Kehalassi, der fahrenden Händler, die das Land auf ihren Schrottstieren durchquerten. Papa grillte das Essen hinter dem Haus, während Zirti und ich einen Erdbeerapfel penibel in vier Teile schnitten. Als die Sonne hinter den Ruinen der alten Öltürme versank, aß jeder von uns sein Viertel in schweigendem Genuss. Ich konnte den Geschmack noch auf der Zunge spüren, als die Zeit der Ernte anbrach. In wenigen Wochen wurde ich einen Kopf größer, meine Stimme sackte nach unten und in mir erwachte die Wut. 

Dass ich nicht allein war, bemerkte ich zu spät. Wenn das Monster in mir zur Ruhe ging, ließ es mich zutiefst erschöpft zurück. Ich lehnte mich gegen die dicken, kühlen Wände des Leichenhauses und fühlte meinen Herzschlag flacher und langsamer werden. Erst als mein eigener Atem leise genug war, hörte ich, dass ich nicht der Einzige war, der atmete. Jemand war hier. Jemand atmete flach und gepresst, vermischt mit einem kehligen Wimmern. Es war dunkel im Inneren des Gebäudes, denn auch wenn hier schon lange keine Toten mehr aufgebahrt wurden, hatte niemand je die Notwendigkeit gesehen, mehr oder größere Fenster in die Wände zu setzen. Einen Moment lang verharrte ich lauschend. Eigentlich war klar, was zu tun war. Zwei leise Schritte zurück zur Tür, dann nach draußen rennen und nicht anhalten, ehe der bewohnte Bereich von Vilas erreicht und ich in Sicherheit war. Ich könnte sogar Meldung bei SUN machen und berichten, dass jemand hier war. Vielleicht versteckte sich eine Person hier, die ein Verbrechen begangen hatte, oder ein Technimal, oder ein wildes Tier aus der Kleinöde. Vielleicht würde ich eine Belohnung bekommen. Vielleicht wären meine Väter dann wieder stolz auf mich.
All dieses Hätte-Wäre-Wenn schoss mir durch den Kopf, als ich den ersten Schritt in den Raum machte. 

Zögerlich zog ich eine Hand voll Glühstaub aus meiner Tasche und pustete ihn in die Luft. Im fahlblauen Leuchten, das nach wenigen Sekunden von ihm ausging, sah ich in der Ecke des Raumes eine Gestalt auf einer zerschlissenen Matratze liegen. Das Leichenhaus diente manchmal den Armen und Ausgestoßenen als Unterschlupf für ein paar Nächte, ebenso wie hier zwischendurch die älteren Jugendlichen mit AnimalHop und AntCider ihre Partys feierten, auf die ich noch nie eingeladen worden war. Leichen hatten hier jedenfalls keine mehr gelegen, seit damals das Verbrennen der Toten gesetzlich vorgeschrieben wurde, nachdem ein paar Hundert Untote die Bucht von Salaro überrannt hatten. Ich kannte die Geschichte. Ich hatte ein Holospiel dazu, das Zirti und ich gespielt hatten, wenn wir allein zu Hause waren. Unsere Väter hätten es sofort aus dem Haus verbannt, aber die Zombies in dem Spiel waren nicht besonders gruselig und zu zweit auf sie zu schießen machte Spaß. Trotzdem wünschte ich, die Geschichte mit den lebenden Leichen wäre mir nicht gerade jetzt wieder eingefallen. Aber als ich im heller werdenden Leuchten des Staubs endlich erkannte, wen ich gefunden hatte, vergaß ich alle anderen Geschichten. Alle außer die von Arimena Alar.

Geschichten waren das Größte für mich. Mir war egal, ob sie aus elektronischen Büchern stammten, aus den alten Magazinen, die ich als Dämmung in den Wänden unseres Hauses entdeckt hatte, aus den Gute-Nacht-Geschichten meiner Eltern oder aus den Holospielen, für die Zirti und ich wochenlang Kupfer sammelten und Rattenfallen leerten. Die Geschichten ließen die Alte Welt wieder lebendig werden, ließen mich als Seefahrer über die Meere ziehen, die damals noch nicht ausgetrocknet gewesen waren. Sie erzählten von den glitzernden Lichtern der Orbitalstationen, dem Letzten Krieg und seinen Heldentaten, von mutigen Frauen und gewitzten Männern, mit denen ich mitfieberte. Aber keine Geschichte liebte ich so sehr wie die von Arimena Alar, der Amazonenkönigin. Sie war die Heldin Dutzender Filme und AniComics ebenso wie die Titelfigur der Feuerkönigin-Trilogie, die ich mindestens zehnmal von vorne bis hinten durchgespielt hatte. Zu meinem achten Geburtstag hatte Vater mir aus Stoffresten einen blau-goldenen Umhang geschneidert, wie Arimena ihn in den Filmen trug. Ich war überglücklich und trug ihn beim Spielen mit den anderen Kindern, bis er nach einem Jahr nur noch in Fetzen hing. Die neidischen Blicke meiner Freunde und Freundinnen waren fast noch besser gewesen als das Geburtstagsessen. Ich träumte davon, so mutig und frei wie die Königin der Amazonen zu sein, so wie kleine Kinder es eben tun. Dass ich nur ein Junge war, war mir gleich. Und dass der Krieg der Amazonen gegen die letzten Heerscharen der Alten Welt nicht nur ein erfundenes Märchen war, erfuhr ich erst später, als Papa ein Schul-Holo über alte Geschichte aufgetrieben hatte. Ich wollte sein wie Arimena Alar mit ihrem flatternden Umhang, dem goldenen Haar und der riesigen Schwertmuskete, die auf ihrem treuen Gefährten Geronimo, dem schnellsten der Sturmtapire, Heldentaten vollbringt.

Die Frau auf der Matratze sah nicht aus wie Arimena Alar. 
Natürlich erkannte ich sie sofort als Amazone, denn ihre Arme und Beine waren in eng anliegende Kleidung aus Schuppenseide gehüllt. Leicht und biegsam und doch hart wie Stahl. So hieß es in den Geschichten, aber aus dem rechten Bein der bewusstlosen Frau ragte ein Bolzen, der fast so dick war wie mein Daumen. Über der Schuppenseide trug sie eine knielange Brünne aus Zirbelplast, voller Flecken, abgeplatzter Stellen und Dreck. Ratlos ging ich neben der Matratze auf die Knie. Die Kleidung und die neben ihr liegende Schwertmuskete zeigten eindeutig, dass die Bewusstlose zu den Amazonen gehören musste. Ich hatte gehört, dass sie in den letzten Jahren ihre Festung verlassen hatten und durch die Lande streiften. Doch sie wirkte völlig anders als die Amazonen in meinen AniComics und Spielen. Im Stehen hätte sie mich höchstens um eine Handbreit überragt. Ihre Haut war noch dunkler als meine und ihr Haar war weder golden noch wallend, sondern kurz, dunkel und ziemlich fettig. Und vor allem war sie nicht hier, um Heldentaten zu vollbringen, sondern brauchte ganz dringend selbst Hilfe. Das Blut aus der Wunde an ihrem Bein hatte schon die Matratze durchtränkt und sie hatte noch nicht einmal bemerkt, dass ich neben ihr kniete. Ihre Augenlider flatterten, Schweiß stand ihr auf der Stirn. Ich aktivierte die Lampe des alten Kommunikators, den ich ums Handgelenk trug. 3 verpasste Anrufe, zeigte das Display an, dazu die erste Zeile einer Textnachricht von Zirti. WO BIST DU, TARNIK? ICH MACHE MIR – ich wischte die Nachrichten weg und richtete den Lichtstrahl auf den Bolzen im Bein der Amazone. Es sah aus, als wäre sie in eine der Selbstschussanlagen geraten, die Vilas umgaben. Die meisten von ihnen stammten aus der Zeit des Letzten Krieges und funktionierten kaum noch. Sie musste wirklich Pech gehabt haben. So etwas war Arimena nie passiert. Ich beugte mich vor, schnupperte vorsichtig an der Wunde und roch Blut, Schweiß und den stechenden Duft von Schlangenginster. Diese Büsche wuchsen nur hier, in den Ausläufern des Gebirges, und ihr Gift haftete, einmal aufgetragen, für Jahrzehnte auf einer Klinge oder einem Bolzen. Doch auch ein Schnitt an den Dornen war giftig, ebenso wie der Blütenstaub, der die Stadt am Ende des Frühlings wie eine gelb schillernde Wolke umgab. Und genau deswegen hatte ich, wie eigentlich alle in Vilas, stets eine Dosis des Gegengifts bei mir.

Die Amazone erwachte eine halbe Stunde später. Mit einem Ruck setzte sie sich auf und tastete nach ihrer Waffe – erfolglos, ich hatte alles, mit dem sie mich verletzen konnte, außer Reichweite geschafft. Ich hatte ihr das Gegengift eingeflößt, nach einigem Zögern das scharfe Messer von ihrem Gürtel genommen und die durchgeblutete Schuppenseide um den Bolzen herum abgeschnitten. In einem der üblichen Verstecke hatte ich eine Flasche des klaren Alkohols gefunden, den die älteren Jugendlichen für ihren selbst angesetzten AntCider benutzten. In dem Zombiespiel konnte man Alkohol immer benutzen, um Wunden zu desinfizieren, auch wenn ich nicht genau wusste, wie. Letztendlich hatte ich einfach die halbe Flasche über die Wunde geschüttet. Den Rest konnte sie ja immer noch trinken, falls das der Trick dabei war. 
„Wo bin ich?“ Sie atmete schwer, sah sich um und verzog das Gesicht, als sie direkt in die Lampe meines Kommunikators schaute. Er hatte in den letzten Minuten noch zweimal einen Anruf angezeigt, aber ich konnte jetzt nicht mit meiner Familie sprechen. Was sollte ich ihnen erzählen? Dass ich eine verletzte Amazone im Leichenhaus gefunden hatte? Dass ich aus einer Laune heraus beschlossen hatte, ihr zu helfen, statt wegzulaufen, und ihr sogar mein kostbares Gegengift gegeben hatte? Vielleicht hätte ich das tun können, als noch alles gut war. Aber seit die Wut in mir wohnte, war jeder weitere Zwischenfall nur ein weiterer Keil, der zwischen mich und meine Väter getrieben wurde. 
„Du … du bist im Leichenhaus von Vilas.“ Ich war mir nicht sicher, ob ich sie anders hätte ansprechen müssen. In den Filmen über Arimena kniete das einfache Volk stets dankbar vor ihr und brachte ihr höchste Ehrerbietung entgegen. Aber da hatte sie ja auch schon zahllose Heldentaten vollbracht, während die Verletzte meine Hilfe gebraucht hatte. Kurz hatte ich überlegt, ob ich den Bolzen aus ihrem Bein ziehen konnte, aber er steckte fest in ihrem Oberschenkel und ich hatte keine Ahnung, was ich danach hätte machen sollen. Normalerweise verarztete man blutende Wunden mit Dermaglue, aber dazu hätte ich sie zu einem Krankenhaus bringen müssen. 
Ich schaltete die Lampe aus, damit sie mich besser sehen konnte. Wir saßen uns gegenüber, während der Glühstaub unsere Gesichter in blassblaues Licht tauchte. 
„Der Bolzen in deinem Bein, da war … er war mit Schlangenginster bestrichen. Gift. Ich habe dir ein Gegengift gegeben und jetzt … bist du wach“, stotterte ich. 
Ihr Blick wurde klarer, schweifte einmal durch den großen Raum. Sie nickte. 
„Danke, Junge.“ 
Ihre Stimme war leise und ein wenig kratzig. Mehr sagte sie nicht. Enttäuschung machte sich in mir breit. Ich hätte erwartet, dass sie nun erklärte, in meiner Schuld zu stehen. Ich hatte schon überlegt, um was ich sie hätte bitten können. Vielleicht hätte sie meinen Vätern erklären können, warum sie mein Gegengift gebraucht hatte. Oder sie hätte mir ihre Schwertmuskete schenken können. Eine solch seltene Waffe hätten wir verkaufen können, sie hätte meine Familie ein Jahr lang versorgt. Aber sie sagte nichts, sondern zog nur selbst eine Lampe hervor und begann ihr Bein zu untersuchen, in dem noch immer der Bolzen steckte. 

„Es gibt ein Krankenhaus hier“, sagte ich. Ich könnte sie wenigstens auf dem Weg dorthin stützen und alle in der Stadt würden sehen, dass ich es war, der die Amazone gefunden und gerettet hatte.
Aber ihre Augen verengten sich und sie schüttelte den Kopf. 
„Dort würde man mir nicht helfen. Wir sind hier nicht willkommen.“
Ich starrte sie verwirrt an. Wie konnten Amazonen irgendwo nicht willkommen sein? Sie waren doch die Heldinnen, die den Letzten Krieg beendet hatten.
„Aber … aber warum?“, fragte ich.
Die Amazone zögerte. Sie richtete die Lampe auf mein Gesicht und entspannte sich dann sichtlich. Offensichtlich war ihr klar geworden, wie ungefährlich ich war. Nur ein kleiner Junge. Ich sah zu Boden und fühlte mich wütend und verlegen gleichzeitig. 
„Entschuldige“, sagte sie dann, ihre Stimme weicher als zuvor. „Hast mir geholfen und ich habe mich nicht mal vorgestellt. Ich bin Cyrix.“ 
„Ich heiße Tarnik“, murmelte ich gen Fußboden.
„Danke, Tarnik. Du kannst jetzt gehen. Ich komme zurecht.“
„Aber … aber dein Bein! Der Bolzen steckt immer noch drin. Und warum sollte man dir im Krankenhaus nicht helfen? Du … du bist doch eine Amazone. Ohne euch wäre doch damals die Welt untergegangen!“
Sie schüttelte den Kopf und musterte mich mit einem Blick, den ich nicht einordnen konnte. Lachte sie mich aus? Oder hatte sie Mitleid mit mir?
„Der Krieg ist lange her“, sagte sie dann. „Niemand von uns beiden hat ihn miterlebt. Niemand von uns kennt auch nur eine Person, die ihn erlebt hat.“ 
Ich nickte. Die älteste Frau in Vilas war die alte Garine, doch auch sie mit ihrem schlohweißen Haar und dem Gesicht voller Falten kannte den Letzten Krieg nur aus den Erzählungen ihrer Großeltern. 
„Aber es gibt doch Geschichten“, protestierte ich. 
„Ah, Geschichten. Lass mich raten – Königin Anemona und ihre großen Taten?“
„Königin Arimena“, korrigierte ich mit Nachdruck. Wie konnte sie die berühmteste Amazone von allen nicht kennen? 
 „Das sind Geschichten, Tarnik. Märchen, die man Kindern erzählt. Nicht komplett erfunden. Aber alles andere als wahr.“
„Aber … aber die Amazonen haben doch den Krieg beendet! Alle wissen das, wir haben es in den Schul-Holos gelernt, und meine Väter haben es mir auch erzählt.“  Der Steinboden des Leichenhauses unter meinen Füßen schien zu beben. Geschichten waren das Größte. Geschichten hatten mir immer geholfen, wenn ich mich einsam oder unverstanden fühlte. Und jetzt sollten sie nichts wert sein? Etwas, das man vergisst, wenn man erwachsen wird? Ich fühlte trotz meiner Erschöpfung und Verwirrung, wie das Monster meiner Wut im Schlaf grollte.

„Ich kann dir erzählen, was ich über den Krieg weiß“, sagte Cyrix. „Aber ich weiß nicht, ob es dir gefallen wird.“ Sie begann in einer kleinen Tasche zu kramen, die an ihrem Gürtel hing. „Erst muss der Bolzen raus. Und ich muss ein anderes Versteck finden. Ich fürchte, er ist mir gefolgt.“
„Gefolgt?“ Ich hatte nicht einen Moment lang gedacht, dass sie sich die Verletzung anders zugezogen haben könnte als durch die alte Selbstschussanlage. „Wer ist dir gefolgt?“
„Ein Mann, der hinter mir her ist. Glaube nicht, dass du ihn kennst.“ Sie zog eine kleine Spritze aus der Tasche und setzte sie an die Stelle neben dem Bolzen an. „Er ist hinter mir her, seit ich in diese Gegend gekommen bin. Einer von den Erneuerern.“
„Wem?“ Davon hatte ich noch nie gehört, weder in den Schul-Holos noch in einer Geschichte.
„Ein Bündnis, das sich auf die Zeit vor dem Letzten Krieg beruft. Die Erneuerer der Alten Welt.“ Ihr Gesicht zeigte Verachtung. „Werden leider immer mehr in letzter Zeit. Sie jagen Amazonen und Technimals, erschießen vercyberte Tiere. Sind hinter jedem her, der Implantate oder Fähigkeiten hat. Wenn es nach ihnen ginge, würden sie die Alte Welt wieder aufbauen, mit ihren abgeschotteten Inseln für die Reichen, ihren Heeren und ihren Kriegsmaschinen. Und wir anderen könnten abkratzen.“ Cyrix klopfte auf ihr Bein und war offenbar zufrieden mit der Wirkung der Spritze. 
„Also, wenn du willst, dann kannst du mir helfen, diesen Bolzen rauszuziehen und dann erzähle ich dir alles, was du wissen willst. Nur nicht hier.“
Ich nickte eifrig. Anscheinend gab es eine Menge Dinge, die ich nicht wusste. Und eine echte Amazone würde das ändern. 
„Also, was soll ich – 
Die Tür flog mit einem ohrenbetäubenden Krachen aus den Angeln.

Blendend weißes Licht. 
Schrilles Pfeifen.
Harter Steinboden an meinem Gesicht, taube Finger, Schmerzen, klebrige dunkle Flüssigkeit tropfte mir in die Augen. 
Keuchend versuchte ich zu verstehen, wo ich war und was passierte. War ich bewusstlos gewesen, und wenn ja, wie lange? Wo war Cyrix?
Ich blinzelte heftig, wischte das Blut aus meinem Gesicht, noch gehorchten mir meine Arme. Ich stemmte mich hoch auf alle Viere. Hörte einen Bolzen durch die Luft sirren und an der Wand zerschellen, eine Männerstimme fluchen.
Ich atmete tief, meine Augen gewöhnten sich endlich an das Licht aus einem Dutzend tanzender Leuchtdioden, die grellweiße Kegel durch den Raum warfen. Die Matratze war leer, die Splitter des Bolzens auf ihr verteilt. Cyrix musste trotz der Verletzung ausgewichen sein. Eine große Gestalt stand mit dem Rücken zu mir, warf wütend einen Bolzenwerfer zu Boden. Wo war die Amazone? Sie konnte nicht weggelaufen sein, nicht mit dem verletzten Bein.
„Zeig dich endlich, Amazonenschlampe!“ Der Mann schien mich noch nicht bemerkt zu haben. Er zog ein langes Messer aus dem Gürtel. Wieder roch ich Schlangenginster. 
Hinter einem der Steintische, die vor langer Zeit zum Aufbahren der Leichen gedient haben mussten, bewegte sich etwas. Der Erneuerer sah es im selben Moment wie ich und sprintete los. Mit einem Satz war er über den Tisch und holte mit dem Messer aus. Im flackernden Licht sah ich, wie Cyrix seinen Arm mit ihrer Hand abblockte, sich drehte und ihren Ellenbogen in der Magengrube ihres Verfolgers versenkte. Er keuchte, ließ aber das Messer nicht los.
Mit einem Mal wurde mir klar, dass ich sie entwaffnet hatte, damit sie mir nichts tun konnte. Noch dazu war sie schwer verletzt. 
Es würde meine Schuld sein, wenn sie starb.
Dieser schreckliche Gedanke riss mich endlich aus meiner Starre. Ich krabbelte über den Boden, dorthin, wo ich Cyrix’ Messer vorhin gelegt hatte. Meine Hand schloss sich um den Griff und ehe ich mir überlegen konnte, was ich da eigentlich machte, rannte ich mit dem Messer voran auf den Angreifer zu. Er schmetterte der Amazone gerade aus der linken Hand etwas entgegen, was sich mit einem weiteren Krachen entlud. Während sie nach hinten geschleudert wurde, wirbelte er herum und hob sein Messer zur Abwehr. Ich erreichte ihn, stach nach ihm, mein Messer prallte auf seins und wurde mir aus der Hand geschleudert. Ein schneller Halbkreis seines rechten Beins zog mir die Füße weg und ich landete erneut schmerzhaft auf dem Rücken. Er wandte sich ab.

Schmerzen vibrierten durch meinen Arm und meinen Rücken. Schon wieder war Blut in meinem Gesicht. Mühsam und nach Luft ringend setzte ich mich auf, mehr aus Instinkt als mit irgendeinem Plan. Die Erkenntnis, dass ich hier und jetzt sterben könnte, erfüllte mich mit lähmender Angst. Cyrix war schwer verletzt und ich hatte dem Mann nichts entgegenzusetzen. Er würde erst sie töten und dann mich. Eine Flut von Bildern stieg in mir auf, als ich mir vorstellte, wie die SUN-Patrouille an der Haustür klingelte, um meinen Vätern von meinem Tod zu berichten. Wie Zirti weinend zusammenbrach. Wie ich nie mehr zurückkam um mich zu entschuldigen für meine Wutausbrüche und all den Kummer, den ich ihnen bereitet hatte. Tränen brannten in meinen Augen und die Angst erreichte meine Kehle, ließ mich würgen. 
In dem Moment, indem ich mich einfach wieder zu Boden sinken lassen wollte, erwachte mit lautem Grollen das Monster in mir.

Der Schrei, der durch das Leichenhaus hallte, erschreckte mich zutiefst, auch wenn ich ihn selbst ausgestoßen hatte. Ich wusste nicht, dass ich so brüllen konnte, so laut, so voller Zorn. Auf einmal war ich auf den Beinen, stürmte vorwärts. Der Erneuerer kniete über Cyrix, ein Knie auf ihrem verletzten Bein, das andere auf ihrem Oberkörper. Er führte das vergiftete Messer in Richtung ihres Halses. Ich rannte, brüllte, krachte in seine Seite. Zum dritten Mal schlug ich auf dem Boden auf, doch diesmal hatte ich ihn mit umgerissen. Ich schlug mit bloßen Fäusten in seine Richtung, erwischte ihn am Kinn, während er mir seinen Unterarm seitlich gegen den Kopf schlug. Das hier würde nicht gut enden, konnte nicht gut enden. Vielleicht hätte ich aufgeben und um mein Leben betteln sollen. Aber ein weiteres Mal hatten die Tentakel meiner Wut die Kontrolle übernommen, schlugen mit meinen Händen weiter auf den Angreifer ein.
Ich brüllte.
Und Cyrix antwortete.

Wieder traf der Erneuerer mich im Gesicht. Sterne tanzten vor meinen Augen. Ich hörte meinen Schrei, der sich mit dem der Amazone vermischte. Den Bruchteil einer Sekunde lang fühlte es sich an, als würde ich ihren Herzschlag in meiner Brust fühlen, ihre Gedanken in meinem Kopf hören. Ein weiterer Schlag gegen meinen Kopf. Schwarze Ränder zogen sich um mein Blickfeld zusammen, ich kämpfte, um bei Bewusstsein zu bleiben. Verschwommen sah ich, wie Cyrix auf die Beine sprang, der Bolzen wie vergessen. Sie brüllte immer noch, ihre Bewegungen schienen schneller zu werden, sie war heran, ehe der Mann reagieren konnte, riss ihn von mir fort. Mein eigener Schrei verstummte endlich. Die Wut verebbte, Schmerzen schossen durch jede Faser meines Körpers und alles wurde schwarz.

Als ich erwachte, lag ich auf der Matratze und Cyrix saß neben mir. Der Bolzen war aus ihrem Bein verschwunden, ein Verband angelegt. Von ihrem Verfolger war nichts mehr zu sehen.
„Was … ist … passiert?“, krächzte ich hervor. 
„Er ist keine Gefahr mehr“, sagte sie ruhig. Ich fragte mich, ob sie ihn getötet hatte. Aber das war nicht das Wichtigste, was ich wissen wollte. Mühsam rollte ich mich auf die Seite, setzte mich mit ihrer Hilfe auf. 
„Du … du bist … du hast auch …“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, was ich gefühlt hatte, als wir gemeinsam unsere Stimmen erhoben hatten.
„Ja“, erwiderte sie nur. 
„Was ist mit mir? Mit uns?“
„Wir Amazonen nennen es das Innere Feuer.“ Cyrix tippte vorsichtig mit ihren Fingerspitzen gegen meinen Brustkorb und musterte mich. Ich blickte ihr in die Augen und erinnerte mich an die Verbindung zu ihr, die ich einen Moment lang gefühlt hatte. 
„Die meisten außerhalb der Amazonenfestung haben vergessen, was es ist. Sie fürchten den Zorn, der in manchen jungen Menschen erwacht. Sie wissen, es hat etwas mit den Amazonen zu tun. Hassen uns dafür. Lassen uns nicht in die Städte, obwohl wir helfen könnten.“
„Helfen?“
„Das Feuer wird jene verzehren, die nicht lernen, es zu kontrollieren. Doch denen, die es beherrschen, wird es den Zorn und die Kräfte verleihen, gegen die zu bestehen, die diese Welt bedrohen. Du kannst es lernen.“
„Aber ich … ich bin ein Junge!“
Die Amazone schüttelte lächelnd den Kopf. „Vergiss die Geschichte von Königin Arimena. Männer, Frauen, Technimals, Vercyberte, Befähigte – das Feuer kann in jedem Menschen erwachen. Und wer es beherrscht und gegen die Kräfte kämpft, die die Alte Welt verbrennen ließen, ist eine von uns.“
Überwältigt vergrub ich das Gesicht in den Händen. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Oder denken. Oder fühlen. Aber ich wusste, dass jetzt nichts mehr sein würde wie zuvor. Die Geschichten meiner Kindheit waren gleichzeitig ferner und näher als je zuvor.

„Es gibt so vieles, was wir nicht mehr wissen“, sagte Cyrix in mein Schweigen hinein. „Wir haben vergessen, wer uns das Innere Feuer schenkte. Wir wissen nicht, ob es wieder in vielen Herzen erwachen wird, jetzt, wo die Erneuerer stärker werden und sich die Alte Welt zurückwünschen. Deswegen haben die meisten von uns die Festung verlassen. Wir suchen nach Antworten. Und nach denen, in denen das Feuer erwacht ist. So wie in dir.“
Ich schluckte. Die Vorstellung, dass noch mehr Menschen in meinem Alter allein waren mit der Wut in ihnen, ohne zu wissen, was mit ihnen passierte, war überwältigend. Und dass es noch viel mehr Leute wie Cyrix’ Verfolger gab, die mit vergifteten Messern und Bolzenwerfern Jagd auf diese Menschen machten, ließ mich vor Wut zittern.
„Ich möchte helfen!“, platzte ich heraus. „Ich will lernen, wie man dieses Feuer beherrscht. Und mit den Amazonen gegen diese Erneuerer kämpfen. Aber … aber erst musst du das alles meinen Eltern erklären.“
Ich hörte Cyrix zum ersten Mal lachen.
„Bist noch sehr jung, Tarnik. Aber wir können jede Hilfe brauchen. Bring mich zu deiner Familie.“
Als wir das Leichenhaus verließen, versank die Sonne gerade hinter den Öltürmen. Die Berge glühten rot und lange Schatten lagen in den Gassen von Vilas. Mein ganzer Körper schmerzte und Cyrix stützte mich.
Langsam gingen wir durch die Straßen meiner Heimat. 
Ich blickte auf die vertrauten Häuser, hörte in der Ferne die Musik, die aus den Bars des Großen Marktes dröhnte und roch das Essen, das an den Straßenecken verkauft wurde. Irgendwo da draußen waren Leute, die all das hier zerstören wollten. Das Monster in mir regte sich bei dem Gedanken und ließ mein Herz schneller schlagen. Das Feuer in mir erwachte erneut. 
Und zum ersten Mal hieß ich es willkommen.


Feuer ist auch in Queer*Welten Ausgabe 1 enthalten.

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