Ballade „Die fortgesetzten Abenteuer des Spaceships Plastilon“ von Jasper Nicolaisen

Jasper Nicolaisen

Jasper Nicolaisens verspielte Ballade „Die fortgesetzten Abenteuer des Spaceships Plastilon“ gibt es ab ab jetzt hier auf unser Seite zu kaufen und zu lesen – aber natürlich auch sonst (fast) überall, wo es Ebooks gibt. „Die fortgesetzten Abenteuer des Spaceships Plastilon“ auf Queer*Welten oder bei Skoobe lesen oder woanders kaufen.

Bibliographisches Angaben

„Die fortgesetzten Abenteuer des Spaceships Plastilon“
Queer*Welten Shortstories 2
Jasper Nicolaisen
Ebook, Ach je Verlag
Berlin, AT&Tlantis, Tschuri 2020
eISBN: 9-783-947720-2-17

Über den Autor

Jasper Nicolaisen ist Autor und systemischer Therapeut. Er mag kulturellen Schund und Schmutz, Boxen und die komplizierten Probleme anderer Leute. Sein erster Roman Ein schönes Kleider schien 2016 im Querverlag. 2019 folgte ebenfalls dort der Roman Erwachsen und die Kurzgeschichte Pitsch! im Ach je Verlag. 2020 erschien ebenfalls im Ach je Verlag sein Phantastik-Roman Totes Zen (zur Rezension auf Queer*Welten). Mit Mann und Kind lebt er in Berlin.

Die Heldenfresserin

oder Mythos, destruiert

von Anna Zabini

Inhaltswarnungen
Implizite und explizite misogyne Gewalt, graphischer Femizid, Kannibalismus, gendered slurs, gewaltsame Körpermodifikation/
body horror; Referenz bzgl. häuslicher Gewalt, Cissexismus,
Biphobie, Exotismus/Orientalismus 

Ich möchte eine Geschichte erzählen. Also Ihnen, ja Ihnen persönlich. Ich möchte Ihnen diese Geschichte erzählen, und ich möchte sie richtig erzählen. Diese Geschichte ist nicht neu. Sie kennen sie bestimmt. Warten Sie, bleiben Sie trotzdem hier. Bitte. Sie kennen diese Geschichte, nicht wahr? Deswegen habe ich mich gefragt … na ja, ob wir sie gemeinsam erzählen können, die Geschichte?
Sie beginnt so: Ein Mann liebte eine Frau. – Sie ist tot.
Nein, das ist falsch. Die Frau kann nicht als Subjekt bestehen, da haben Sie recht, das muss heißen: Ein Mann liebte eine Frau. – Er tötete sie.
Falsch, meinen Sie? Oh, pardon, ich habe die Reihenfolge verdreht, es muss heißen: Ein Mann tötete eine Frau. – Er liebte sie.
Jetzt weiß ich es selbst. Das ist falsch. Falsch, dem Mann Liebe zu unterstellen, es muss heißen: Ein Mann tötete eine Frau. – Er begehrte sie.
Falsch, von ihr als Person zu sprechen. Nein, es muss heißen: Ein Mann tötete eine Frau. – Er begehrte ihre Leiche.
Ist es so richtig? Sie nicken, aber Sie sehen mich so an. So … abschätzig. Verzeihen Sie, wenn ich den guten Geschmack, also Ihren Geschmack, beleidigt habe. Sie liegen selbstverständlich richtig: Ich kenne die Wahrheit nicht. Beschränken wir uns auf die Fakten. Ich glaube, über die Fakten können wir uns einig werden.
Fakt eins: Ein Mann tötete eine Frau. Fakt eins ist ohne Fakt zwei nichtssagend und allgemeingültig, also lassen Sie mich rasch ergänzen: Er begehrte ihre Leiche. Das ist das Skelett dieser Geschichte. Aber es braucht Substanz, um es anzukleiden. Sie stimmen mir hierbei zu, oder?
Wir müssen also einen weiteren Fakt, den dritten Fakt festhalten: Ein Mann tötete eine Frau. – Er begehrte ihre Leiche. – Ihre Ermordung war seine Tragödie.
Tut mir leid, dass ich so langsam vorankomme. Sie kennen die Geschichte ja schon. Aber nur der Vollständigkeit halber … Sie haben bemerkt, dass unserer Geschichte die Seele fehlt. Schwierig, sie festzuhalten, ist sie doch mehr Mythos als Fakt. Darum lassen Sie sie uns in Bein und Fleisch hineinprügeln, ehe sie uns entgleitet, ja? Die beseelte Geschichte, die faktengestützte Geschichte erzählt sich so: Ein Mann tötete eine Frau. – Er begehrte ihre Leiche. – Ihre Ermordung war seine Tragödie. – Er ist ein Held.
Das tut weh. Sie haben recht, ich sollte endlich wieder schweigen. Stopfen Sie mir besser gleich das Maul. Sie würden einer langen Tradition folgen. Und das mit gutem Recht! Mir ist schon übel: Wir ruinieren die Geschichte mit Fakten, die nicht einmal die Wahrheit für sich beanspruchen. Das kann so nicht stehen bleiben, verwerfen wir diese faktenfabrizierte Fassung. Es muss stattdessen heißen: Er liebte sie. – Jetzt ist sie tot.
Nein, es muss heißen: Er liebte sie. – Sie ist tot.
Nein: Er liebte sie. – Sie starb.
Sie nicken, Sie lächeln sogar? Ich bin so froh. Dann bleiben wir dabei: Er liebte sie, und sie starb.
Das ist weniger richtig, aber besser, oder? Jetzt tut es weniger weh, also zumindest mir, für Sie kann ich nicht sprechen. Sie hört sich gut an, unsere Geschichte: Er liebte sie, und sie starb. Traurig, tragisch, aber niemand ist schuld.
Und außerdem: So beginnen sie doch, Ihre Heldenerzählungen, nicht wahr?
Erzählungen von Helden über Helden, oder über Helden von Helden, heroische Erzählungen, erzählende und erzählte Heroen; alle gleich. Bei mir hat es nicht zum Helden gereicht, nein, nicht einmal zur Heldin. Und wer interessiert sich überhaupt für Heldinnen? Ich nicht, Sie nicht, schon gar nicht Sie. Also warum das Ganze, frage ich mich.
Ach ja! Ich erinnere mich, warum ich diese Geschichte erzählen wollte. Es ist sehr simpel. Ich wollte sie erzählen, weil ich eine Frau liebte. Ich liebte sie nicht als lebende Frau, ich liebte sie bloß als tote. Ich liebte sie erst, als ich ihr den Helm vom Kopf zog und in ihr lebloses Antlitz sah. Als ich bedauernd, erhitzt, Penthesilea hauchte, und sie mich nicht erhörte. Eine Tragödie, wahrhaft und eines Helden würdig.
Moment, Verzeihung, das ist nicht meine. Nicht meine Geschichte, meine ich. Es ist seine Geschichte, eine Geschichte, die er erzählt, und sie ist falsch. Erlauben Sie? Dass ich seine Geschichte … also auch meine, meine eigene Geschichte erzählen darf, obwohl Sie sie schon kennen?
Sie beginnt so: Der Held trifft die Amazone. – Er ist tot. Sie überlebt.

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Die fortgesetzten Abenteuer des Spaceschiffs Plastilon

Ballade von Jasper Nicolaisen

Now the Bible tells the Schtorie
von einem wackr´ren Schiff
das bravte keine Wogen
und schiffte um kein Riff

Es flitzte durch die Sterne
und glänzte silberhell
die Fenster war´n aus Mondenstein
die Düse zischte grell

Mit Bioplasemerase-
-tentakeln vielbewehrt
schwang es sich wie ein Affe
um Sonnen unbeschwert

Es flitschte wie ein Stein so platt
durch die Kometengürtel
und schwebte als Schwarzlochballong
durch Gastrabantenviertel

Wie dieses Wunderschiff wohl hieß
Das fragt ihr kleinen Quarks?
Dann setzt euch hin im gleichen Spin
und schaut, ob ihr es rats!

Was ist mal groß, dann wieder winzig?
Was flitzt durch Fermi-, Any- und Boson?
Was hilft den Schwachen, haut die Bösen?
Richtích! Das Spaceschiff Plastilon!

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Die Sache mit dem Geld

Es ist ein leidiges und für viele Menschen unangenehmes Thema: Geld. Bei Queer*Welten müssen wir uns auch mit dem Thema auseinander setzen – vor allem aber muss sich der Ach je Verlag damit beschäftigen.

Als ich die Idee zu Queer*Welten mit Judith und Lena besprach, galt von Anfang eine Prämisse: Niemand arbeitet umsonst, alle bekommen Geld. Zuerst Autor*innen, Lektor*innen, Übersetzer*innen und Grafiker*innen. Dann die Herausgeberinnen. Zuletzt der Verlag – wenn überhaupt.

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Weltenbau 101

Jede Geschichte findet irgendwo statt. Mit am bekanntesten dürften dabei Tolkiens Mittelerde und die Wizarding World von J.K. Rowling sein. Frank Herbert hat die Welt von Dune erschaffen, Ursula K. Le Guin beschrieb mit der Ökumene einen Verbund von bewohnten Welten.

Es sind sehr unterschiedliche Welten, von denen diese vier exemplarisch genannten Autor*innen erzählen, und doch haben sie eines gemein: Sie haben Regeln definiert, wie die Welt, in der ihre Geschichte passiert, eigentlich ist. Es gibt Magie oder Technologie, die wir uns noch gar nicht vorstellen können. Mal ist die Erde unserer Zeit der Ausgangspunkt der Geschichte, mal das uns (un)bekannte Universum und dann wieder etwas völlig Neues.

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