Die Heldenfresserin

oder Mythos, destruiert

von Anna Zabini

Inhaltswarnungen
Implizite und explizite misogyne Gewalt, graphischer Femizid, Kannibalismus, gendered slurs, gewaltsame Körpermodifikation/
body horror; Referenz bzgl. häuslicher Gewalt, Cissexismus,
Biphobie, Exotismus/Orientalismus 

Ich möchte eine Geschichte erzählen. Also Ihnen, ja Ihnen persönlich. Ich möchte Ihnen diese Geschichte erzählen, und ich möchte sie richtig erzählen. Diese Geschichte ist nicht neu. Sie kennen sie bestimmt. Warten Sie, bleiben Sie trotzdem hier. Bitte. Sie kennen diese Geschichte, nicht wahr? Deswegen habe ich mich gefragt … na ja, ob wir sie gemeinsam erzählen können, die Geschichte?
Sie beginnt so: Ein Mann liebte eine Frau. – Sie ist tot.
Nein, das ist falsch. Die Frau kann nicht als Subjekt bestehen, da haben Sie recht, das muss heißen: Ein Mann liebte eine Frau. – Er tötete sie.
Falsch, meinen Sie? Oh, pardon, ich habe die Reihenfolge verdreht, es muss heißen: Ein Mann tötete eine Frau. – Er liebte sie.
Jetzt weiß ich es selbst. Das ist falsch. Falsch, dem Mann Liebe zu unterstellen, es muss heißen: Ein Mann tötete eine Frau. – Er begehrte sie.
Falsch, von ihr als Person zu sprechen. Nein, es muss heißen: Ein Mann tötete eine Frau. – Er begehrte ihre Leiche.
Ist es so richtig? Sie nicken, aber Sie sehen mich so an. So … abschätzig. Verzeihen Sie, wenn ich den guten Geschmack, also Ihren Geschmack, beleidigt habe. Sie liegen selbstverständlich richtig: Ich kenne die Wahrheit nicht. Beschränken wir uns auf die Fakten. Ich glaube, über die Fakten können wir uns einig werden.
Fakt eins: Ein Mann tötete eine Frau. Fakt eins ist ohne Fakt zwei nichtssagend und allgemeingültig, also lassen Sie mich rasch ergänzen: Er begehrte ihre Leiche. Das ist das Skelett dieser Geschichte. Aber es braucht Substanz, um es anzukleiden. Sie stimmen mir hierbei zu, oder?
Wir müssen also einen weiteren Fakt, den dritten Fakt festhalten: Ein Mann tötete eine Frau. – Er begehrte ihre Leiche. – Ihre Ermordung war seine Tragödie.
Tut mir leid, dass ich so langsam vorankomme. Sie kennen die Geschichte ja schon. Aber nur der Vollständigkeit halber … Sie haben bemerkt, dass unserer Geschichte die Seele fehlt. Schwierig, sie festzuhalten, ist sie doch mehr Mythos als Fakt. Darum lassen Sie sie uns in Bein und Fleisch hineinprügeln, ehe sie uns entgleitet, ja? Die beseelte Geschichte, die faktengestützte Geschichte erzählt sich so: Ein Mann tötete eine Frau. – Er begehrte ihre Leiche. – Ihre Ermordung war seine Tragödie. – Er ist ein Held.
Das tut weh. Sie haben recht, ich sollte endlich wieder schweigen. Stopfen Sie mir besser gleich das Maul. Sie würden einer langen Tradition folgen. Und das mit gutem Recht! Mir ist schon übel: Wir ruinieren die Geschichte mit Fakten, die nicht einmal die Wahrheit für sich beanspruchen. Das kann so nicht stehen bleiben, verwerfen wir diese faktenfabrizierte Fassung. Es muss stattdessen heißen: Er liebte sie. – Jetzt ist sie tot.
Nein, es muss heißen: Er liebte sie. – Sie ist tot.
Nein: Er liebte sie. – Sie starb.
Sie nicken, Sie lächeln sogar? Ich bin so froh. Dann bleiben wir dabei: Er liebte sie, und sie starb.
Das ist weniger richtig, aber besser, oder? Jetzt tut es weniger weh, also zumindest mir, für Sie kann ich nicht sprechen. Sie hört sich gut an, unsere Geschichte: Er liebte sie, und sie starb. Traurig, tragisch, aber niemand ist schuld.
Und außerdem: So beginnen sie doch, Ihre Heldenerzählungen, nicht wahr?
Erzählungen von Helden über Helden, oder über Helden von Helden, heroische Erzählungen, erzählende und erzählte Heroen; alle gleich. Bei mir hat es nicht zum Helden gereicht, nein, nicht einmal zur Heldin. Und wer interessiert sich überhaupt für Heldinnen? Ich nicht, Sie nicht, schon gar nicht Sie. Also warum das Ganze, frage ich mich.
Ach ja! Ich erinnere mich, warum ich diese Geschichte erzählen wollte. Es ist sehr simpel. Ich wollte sie erzählen, weil ich eine Frau liebte. Ich liebte sie nicht als lebende Frau, ich liebte sie bloß als tote. Ich liebte sie erst, als ich ihr den Helm vom Kopf zog und in ihr lebloses Antlitz sah. Als ich bedauernd, erhitzt, Penthesilea hauchte, und sie mich nicht erhörte. Eine Tragödie, wahrhaft und eines Helden würdig.
Moment, Verzeihung, das ist nicht meine. Nicht meine Geschichte, meine ich. Es ist seine Geschichte, eine Geschichte, die er erzählt, und sie ist falsch. Erlauben Sie? Dass ich seine Geschichte … also auch meine, meine eigene Geschichte erzählen darf, obwohl Sie sie schon kennen?
Sie beginnt so: Der Held trifft die Amazone. – Er ist tot. Sie überlebt.

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Nebelflor

von Annette Juretzki

Inhaltswarnungen
Tod, Blut und Verletzungen, bewaffnete Auseinandersetzung, Leichen, Frauenfeindlichkeit

Wie ein Geist entsteigst du dem Nebel dieses trägen Morgens, der nur Licht statt einer Sonne kennt. Alle sehen zu dir auf. Selbst die Knienden erheben sich, um weniger schutzlos zu sein. Sie weichen zur Seite, als du dich dem Leichnam näherst. Noch immer spricht keiner ein Wort.
Der Mann ist jung gewesen, mit dunklem Haar und breitem Kinn. Die Kleidung besteht aus Filz, wie ihn hier alle tragen, und die großen Hände sind schwielig von der Arbeit. Er hätte jungen Frauen gefallen können, doch das ist nicht, worauf du achtest. Seine Kehle ist zerfetzt und lässt sogar den bleichen Halswirbel hervorscheinen. Aber darüber hinaus ist sein Leib unberührt, keine anderen Wunden zeichnen ihn.
„Das war kein Tier“, sprichst du ohne aufzusehen und spürst doch Misstrauen. „Ein Tier springt nicht an die Kehle, ohne zumindest die Brust zu zerkratzen. Gab es mehr Opfer?“ Du stehst auf und siehst die Männer an. Nur die zornigen halten deinem Blick stand.
„Was geht dich das an?“, platzt es aus dem Ersten heraus. „Was machst du hier?“, springt ihm ein Zweiter bei und auch ein Dritter findet zu seinem Mut: „Was weiß eine Frau schon von Wunden?“
Du bleibst so ruhig wie der Fels im Sturm; wie du es immer tust, wenn die Männer um dich herum beben und zetern. Es hat keinen Sinn, gegen den Orkan anzuschreien, also wartest du auf die Stille im Auge des Sturms: „Ich bin hier, um euren Geist zu fangen.“
Und dann bricht das Gewitter über dir zusammen.
Sie rufen Hexe, beschuldigen dich – wie üblich – schwarzer Magie und des Mordes an drei jungen Männern. Das reicht dir und du legst behutsam die Hand auf die Axt an deinem Gürtel. Schlagartig zieht der Sturm vorbei und bringt den Winter auf ihre Gesichter.
„Drei hat sich der Geist also schon geholt. Wer hat ihn dabei beobachtet?“ Noch nie hat man dir auf diese Frage von selbst eine Antwort geschenkt. Stets musst du sie in den ausweichenden Blicken suchen, die verzogenen Mundwinkel erkennen und auch die rastlosen Finger zu deuten wissen, die Hemdzipfel kneten.
Der unruhigste Mann steht hinter den anderen und selbst im Sturm ist er deinen Blicken ausgewichen. „Wie sah er aus?“, rufst du ihm zu und seine Augenlider senken sich beschämt. Du hast den Richtigen ertappt.
„Sie …“ Die anderen weichen zurück, damit keiner mehr zwischen euch steht. „Es ist eine Frau.“ Länger hält er es im Korridor nicht aus und verlässt gesenkten Hauptes die Menge. Du willst hinterher, doch ein Älterer mit eingefallen Wangen und schütterem Haar stellt sich in deinen Weg. Um seinen Hals liegt eine Kupferkette, die ihn vermutlich zu etwas Besonderem macht. „Wer bist du?“ Seine Stimme trägt mehr Verwunderung als Aggression.
„Ich bin Korja, und ich werde mit dem Geist verschwinden“, sagst du.

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Die fortgesetzten Abenteuer des Spaceschiffs Plastilon

Ballade von Jasper Nicolaisen

Now the Bible tells the Schtorie
von einem wackr´ren Schiff
das bravte keine Wogen
und schiffte um kein Riff

Es flitzte durch die Sterne
und glänzte silberhell
die Fenster war´n aus Mondenstein
die Düse zischte grell

Mit Bioplasemerase-
-tentakeln vielbewehrt
schwang es sich wie ein Affe
um Sonnen unbeschwert

Es flitschte wie ein Stein so platt
durch die Kometengürtel
und schwebte als Schwarzlochballong
durch Gastrabantenviertel

Wie dieses Wunderschiff wohl hieß
Das fragt ihr kleinen Quarks?
Dann setzt euch hin im gleichen Spin
und schaut, ob ihr es rats!

Was ist mal groß, dann wieder winzig?
Was flitzt durch Fermi-, Any- und Boson?
Was hilft den Schwachen, haut die Bösen?
Richtích! Das Spaceschiff Plastilon!

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Feuer – Lena Richter

Kurzgeschichte von Lena Richter

Inhaltswarnungen
Verletzungen, Blut, bewaffnete Auseinandersetzung

Am Tag, an dem ich die Amazone im Leichenhaus fand, war ich zum fünfzehnten Mal von zu Hause weggelaufen.
Die Wut hatte mich vor sich hergetrieben wie der Sturm einen Schwarm Drohnenvögel treibt, hatte meine Schritte durch die Hinterhöfe, Barackensiedlungen und Häuserruinen gelenkt, bis ich schließlich in der dunklen Stille des Leichenhauses wieder zu mir kam. Es war das letzte Gebäude innerhalb der Stadtgrenze von Vilas. Ich war so weit gelaufen, wie es mir möglich war.

Die Wut in mir war ein Monster mit zu vielen Tentakeln. Sie schnürten meinen Magen zusammen, ließen meinen Körper vor Zorn zittern, ballten meine Hände zu Fäusten und ließen sie gegen Wände schlagen und Tische umwerfen. Sie würgten Worte aus meiner Kehle hervor, hasserfüllte Worte, die wie Pfeile durch den Raum flogen und ihr Ziel in den betroffenen Augen meiner Väter fanden, in dem zusammengepressten Mund meiner Schwester. Ich wusste nicht, wie ich das Monster zähmen konnte. Ich konnte nur die Scherben aufsammeln, wenn die Tentakel mich aus ihrem Griff entlassen hatten. Jedes Mal hoffte ich, dass es das letzte Mal gewesen wäre, dass ich das nächste Mal stärker wäre als das Monster. Aber wenn es grollend in meinem Herzen erwachte und den Puls in meinen Ohren dröhnen ließ, wusste ich, dass ich verloren hatte. Also lief ich weg. Es war das einzige, was mir einfiel, um noch mehr Schaden zu verhindern. Ich sah seit Wochen die stumme Trauer in den Augen meiner Familie. Jedes Kind kannte die Geschichten von der Wut, die manche Menschen im jungen Alter befiel wie eine Krankheit und sie zu Ausgestoßenen machte, unfähig, mit anderen zusammenzuleben. Als mein vierzehnter Geburtstag kam und ging, waren wir angespannt und misstrauisch gewesen, aber nichts war passiert. Die Zeit der Sonne verbrachten wir glücklich. Einmal kaufte Vater frisches Fleisch und Gemüse von einem der Kehalassi, der fahrenden Händler, die das Land auf ihren Schrottstieren durchquerten. Papa grillte das Essen hinter dem Haus, während Zirti und ich einen Erdbeerapfel penibel in vier Teile schnitten. Als die Sonne hinter den Ruinen der alten Öltürme versank, aß jeder von uns sein Viertel in schweigendem Genuss. Ich konnte den Geschmack noch auf der Zunge spüren, als die Zeit der Ernte anbrach. In wenigen Wochen wurde ich einen Kopf größer, meine Stimme sackte nach unten und in mir erwachte die Wut.

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