Feuer – Lena Richter

Kurzgeschichte von Lena Richter

Inhaltswarnungen
Verletzungen, Blut, bewaffnete Auseinandersetzung

Am Tag, an dem ich die Amazone im Leichenhaus fand, war ich zum fünfzehnten Mal von zu Hause weggelaufen.
Die Wut hatte mich vor sich hergetrieben wie der Sturm einen Schwarm Drohnenvögel treibt, hatte meine Schritte durch die Hinterhöfe, Barackensiedlungen und Häuserruinen gelenkt, bis ich schließlich in der dunklen Stille des Leichenhauses wieder zu mir kam. Es war das letzte Gebäude innerhalb der Stadtgrenze von Vilas. Ich war so weit gelaufen, wie es mir möglich war.

Die Wut in mir war ein Monster mit zu vielen Tentakeln. Sie schnürten meinen Magen zusammen, ließen meinen Körper vor Zorn zittern, ballten meine Hände zu Fäusten und ließen sie gegen Wände schlagen und Tische umwerfen. Sie würgten Worte aus meiner Kehle hervor, hasserfüllte Worte, die wie Pfeile durch den Raum flogen und ihr Ziel in den betroffenen Augen meiner Väter fanden, in dem zusammengepressten Mund meiner Schwester. Ich wusste nicht, wie ich das Monster zähmen konnte. Ich konnte nur die Scherben aufsammeln, wenn die Tentakel mich aus ihrem Griff entlassen hatten. Jedes Mal hoffte ich, dass es das letzte Mal gewesen wäre, dass ich das nächste Mal stärker wäre als das Monster. Aber wenn es grollend in meinem Herzen erwachte und den Puls in meinen Ohren dröhnen ließ, wusste ich, dass ich verloren hatte. Also lief ich weg. Es war das einzige, was mir einfiel, um noch mehr Schaden zu verhindern. Ich sah seit Wochen die stumme Trauer in den Augen meiner Familie. Jedes Kind kannte die Geschichten von der Wut, die manche Menschen im jungen Alter befiel wie eine Krankheit und sie zu Ausgestoßenen machte, unfähig, mit anderen zusammenzuleben. Als mein vierzehnter Geburtstag kam und ging, waren wir angespannt und misstrauisch gewesen, aber nichts war passiert. Die Zeit der Sonne verbrachten wir glücklich. Einmal kaufte Vater frisches Fleisch und Gemüse von einem der Kehalassi, der fahrenden Händler, die das Land auf ihren Schrottstieren durchquerten. Papa grillte das Essen hinter dem Haus, während Zirti und ich einen Erdbeerapfel penibel in vier Teile schnitten. Als die Sonne hinter den Ruinen der alten Öltürme versank, aß jeder von uns sein Viertel in schweigendem Genuss. Ich konnte den Geschmack noch auf der Zunge spüren, als die Zeit der Ernte anbrach. In wenigen Wochen wurde ich einen Kopf größer, meine Stimme sackte nach unten und in mir erwachte die Wut.

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